Eins und eins gibt drei – ein Märchen aus nicht allzu fernen Landen

Der König, den niemand kannte

Es war einmal ein Land, das war sehr fruchtbar, und die Menschen, die dort wohnten, hatten genug von allem zum Leben und waren recht glücklich. Über das Land regierte ein junger König, von dem aber fast niemand wusste – er lebte in einem Berg inmitten des Landes, den niemand jemals erklommen hatte, da er sehr steil und steinig war und darauf nichts zu wachsen vermochte. Vom König wussten nur seine 10 Minister. Diese regierten über die 10 Regionen des Landes, die um den hohen Berg herum gelegen waren. 10 mal im Jahr, das heisst monatlich, ausser im Juli, wenn der König Ferien machte und im Dezember, wenn er sich selbst feierte, traf der König die Minister zu einem grossen Essen, das jeweils im Palast eines Ministers statt fand. Bei dieser Gelegenheit gab der König seinen Untergebenen die nötigen Anweisungen zum Führen seines Landes.

Nun war der König recht einsam, denn seine Eltern waren beide schon gestorben, und Geschwister hatte er keine. Er hätte sich unter fremdem Namen unters Volk begeben können, denn er besass alle Macht. Aber er hatte keine Erfahrung wie es sein würde, Gemeinschaft mit den Menschen zu haben und fürchtete sich davor. So konnte er keine Freunde gewinnen und fand keine Frau, die er hätte heiraten und zur Königin machen können. Stattdessen stand er oftmals abends an einem seiner zehn Fenster, die auf die zehn Regionen gerichtet waren, und beobachtete das Volk mit seinem grossen Fernrohr. Das Treiben der Menschen war ihm fremd, aber wenn er sie beisammen und glücklich sah, erweckte dies doch eine Sehnsucht in ihm, und er wurde sehr traurig darüber, dass er so alleine war. Da er sich aber nicht zu helfen wusste und sich nicht unter die Menschen wagte, verwandelte sich seine Sehnsucht und seine Traurigkeit mit den Jahren in Bitterkeit.

So sann er einst – es war im Sommer und beim Blick auf das Volk, welches die warmen Abende draussen bei Musik und Tanz genoss – darüber nach, wie er den Menschen etwas von ihrem Glück wegnehmen und sich selbst schenken konnte. Dabei kam ihm nichts anderes in den Sinn als das Gold, das damals neben dem Silber das allgemein gültige Zahlungsmittel war. Weil er keine Freunde hatte, hatte er seine grösste Freude an gewissen Dingen, vor allem am glänzenden Gold. Sein Liebstes war es, in Goldstücken zu baden! Und gerade in diesen Sommerferien hatte er gemerkt, wie wenig Goldstücke sich eigentlich in seinem Pool befanden. So beschloss er, dies zu ändern.

Eine neue Rechenregel

Es war ja so: Der König musste nicht arbeiten, um reich zu werden. Er hatte seine Minister, und diese wiederum hatten das Volk, und so floss der Reichtum vom Volk zum König. Das einfache Volk arbeitete und gab einen Teil der erwirtschafteten Goldstücke ihrem Minister ab. Dieser sammelte die Goldstücke, gab die grössere Hälfte dem König und behielt den Rest für sich.
Des Königs Idee war einfach: Ab sofort sollte jeder Haushalt 3 statt 2 Goldstücke abgeben müssen. Da dies aber nicht auffallen sollte, dachte er, das Ganze in eine neue Regel zu verpacken. Also schrieb er seinen Ministern in einem Expressbrief, ab sofort eine neue Rechenregel einzuführen, die lautete: «Eins und eins gibt drei». Er erhoffte sich dadurch, die Menschen dazu zu bringen, das fehlende dritte Goldstück beizulegen; und nebenbei sollten sie mehr arbeiten statt sich zu vergnügen.

Die Minister waren gewohnt, zu gehorchen ohne nachzudenken, darum hatten sie ihre Anstellung als Minister bekommen. Nebenbei sei erwähnt, dass es eine Schule für angehende Minister gab, die die längste Ausbildung vorsah und den höchst ehrwürdigen Titel des «Democratic Country Master Manager Minister» (DC3M) verlieh. Jedoch erreichten ihn nur diejenigen, die genau das taten, was man ihnen sagte, und die dazu am schnellsten nicken konnten.

Als das Volk nun im schönsten August diese neue Rechenregel durch die Lautsprecher vernahm – jedes Dorf hatte exakt so viele Lautsprecher in den Strassen, dass jeder die Nachrichten in seinem Hause hören konnte – folgte darauf vorwiegend ungläubiges Staunen. Das Volk lief zusammen und rätselte, ob das wohl ein verspäteter Aprilscherz des Ministers sein könnte. So etwas Unsinniges hatten sie noch nie aus den Lautsprechern vernommen. Es kam ihnen so unglaublich fremd und dumm vor, dass sie es in den folgenden Tagen vergassen, wie man einen wirren Traum vergisst.

Als nun das Volk den Ministern Ende Monat ihren Teil abgab, dachte ausser die Minister niemand mehr an die neue Rechenregel. Sogar diese wussten von der Grundschule noch, dass eins und eins eigentlich zwei ergab und wagten nicht, das Volk zur Abgabe eines dritten Goldstückes zu zwingen. Sie hatten Angst, dass dieses sie im besten Fall auslachen, im schlechtesten Fall gar aus ihrem äusserst gut bezahlten Amt verjagen würde. Das Gold war ihnen unterdessen gar wichtiger geworden als ihr Gehorsam gegenüber dem König. So rechtfertigten sie ihr Handeln untereinander damit, dass diese Regel ja nur in einem Brief gestanden sei, der auch von jemand anderem als dem König stammen konnte.

Als der König vernahm, was vor sich ging, wurde er böse. Wie konnte das Volk, wie konnten seine Minister seine Regeln missachten? War er doch der König, der alleine befehlen durfte! Und er hatte am meisten Goldstücke, zudem hatte er als einziger einen grossen Pool (halb-)voll mit Goldstücken! So schaute er von nun an mit noch mehr Neid und Argwohn auf das Volk hinunter, und sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen, als wollte es eine dunkle Idee gebären. Das war es: Die Minister sollten die neue Rechenregel im Winter nochmals verkünden, und zwar zu einer Zeit, wenn es in ihrem Land so kalt war, dass alle Menschen zuhause bleiben mussten. Und die Menschen, die im Winter manchmal das Haus für lange Zeit nicht verlassen konnten, weil es so kalt war, dass man auf der Stelle erfror, wenn man sich trotzdem nach draussen begab: Sie würden sich in dieser Zeit nicht zusammentun können um sich darüber lustig zu machen. Und vergessen würden sie die Regel auch nicht, denn der König hatte auch diesbezüglich einen Plan…

Die Zeit der Gefriertage

So zog der Winter ins Land. Und eines Tages, als die Temperatur gerade unter den Menschen-Gefrierpunkt gelangt war, verkündeten die Lautsprecher im ganzen Land: «Eins und eins gibt drei!»

Irgendwie kam ihnen dieser Ausspruch bekannt vor – wie ein vor langer Zeit erzählter, schlechter Witz. Und niemand nahm die Durchsage wirklich ernst.
«Eins und eins gibt drei! Falsche Rechenresultate werden ab sofort bestraft!», ertönte es eine Stunde später aus den Lautsprechern. Und ab diesem Zeitpunkt ertönte es immer wieder, jeweils vor dem Glockenschlag der Dorfkirche, so dass man gleich wusste, dass wieder eine Stunde vergangen war, ohne auf den vertrauten Glockenklang warten zu müssen. «Falsche Rechenresultate werden ab sofort bestraft!», was sollte das bedeuten?

Die einen hörten von Anfang an vor allem das mit der Bestrafung. Sie kümmerten sich nicht so sehr um veränderte Regeln und malten sich deren Konsequenzen nicht aus. Es durfte doch nicht sein, dass sie bestraft würden! Erst recht nicht für etwas, das sie ohne Frage befolgen würden! Ein Schleier aus Angst legte sich auf ihr Herz und beengte und verfinsterte ihre Gedanken. Sie würden alles tun, um dieser Strafe zu entgehen.
Dann gab es andere, die diese Durchsage so gut wie ignorierten – da sie bis jetzt nichts davon gespürt hatten, war ihnen die neue Regel eigentlich egal. Der Horizont, bis zu dem sie zu blicken gewohnt waren, waren die täglichen Bedürfnisse; den eigenen Hunger und Durst zu stillen gab ihnen die Richtung des Lebens vor.
Wiederum andere Menschen, die exzellent im Rechnen waren – wir würden sie heutzutage wohl Mathematik-Wissenschaftler nennen – und die darauf ihre Ehre bauten, fühlten sich durch diese Durchsage in den Grundfesten ihrer Existenz bedroht. Doch glaubten sie grundsätzlich an die Vernunft, und dass sie dem vernünftigen Minister das Gegenteil beweisen würden, denn eine solche unsinnige Regelanpassung musste einfach ein Fehler im System sein.
Weiter gab es jene, die die neue Regel ausprobierten, es jedoch beim besten Willen nicht zustande brachten, «drei» als das neue Resultat von «eins und eins» nachzuvollziehen. Daher brachten sie es einfach nicht übers Herz, es als richtig anzuerkennen. So blieben sie stur und hielten an dem fest, was sie als Wahrheit erkannten.

Obwohl es viele Menschen brennend interessierte, wie die anderen darüber dachten und was sie unternehmen wollten, begab sich in diesen Tagen niemand nach draussen, da die Temperatur auch in den nächsten Tagen unter dem Menschen-Gefrierpunkt lag und niemand es riskieren wollte, zu gefrieren. So blieb jeder mit seinen Gedanken allein oder zumindest im Rahmen seiner Familie. Die Durchsagen drangen aber weiterhin durch die Fenster ins Haus. Einige hielten sich die Ohren zu, sobald die Lautsprecher erklangen. Andere hatten sich mit Ohrenstöpsel dauerhaft von der Welt der Laute verabschiedet, um nicht ständig daran erinnert zu werden, dass da etwas nicht stimmen konnte. Für viele andere aber war diese Durchsage die einzige menschliche Stimme ausser der eigenen, die sie seit Tagen vernehmen konnten. Sie gab ihnen Sicherheit und Trost in Zeiten der Einsamkeit. Und auch wenn sie sich anfangs gegen den Inhalt gesträubt hatten, so hatten sie ihn nun doch angenommen und verinnerlicht, damit sie einen Hauch von Menschlichkeit erfahren durften.

Das Klima ändert sich

Einen Monat später, noch bevor die Zeit der Gefriertage um war, hörten die Durchsagen plötzlich auf. Eine Wohltat für jene, die die neue Rechenregel bis jetzt verdrängt hatten! Eine Umstellung für die anderen, die sich an die schon fast rituellen Durchsagen gewöhnt hatten. Aber zum Glück für diese verstummte der Lautsprecher nicht: Neuerdings gab es täglich eine Geschichte zu hören! Und es waren schöne Geschichten, Geschichten vom Sommer, von gemeinsamen Festen und Ausflügen, Abenteuergeschichten für die Kleinen und Liebesgeschichten für die Grossen. Nur der aufmerksame Hörer fand ab und zu gewisse komische Passagen. So hiess es etwa: «Hänsel und Gretel gingen zu dritt in den Wald.» Oder beim Liebespaar hiess es nun: «Die Drei liebten sich und beschlossen zu heiraten».
Dies fiel aber vor allem denjenigen auf, die sich meist die Ohren zugehalten hatten oder Ohrenstöpsel trugen. Einige von ihnen erschraken sehr. Die kühnen Rechner hingegen glaubten immer noch an einen Irrtum, der ans Licht geführt werden musste. Ansonsten würde ja die ganze Logik des Rechnens dahin fallen! Bei vielen Menschen aber verursachte die neue Regel kaum noch ein Wimpern-Zucken.

Kaum waren die Gefriertage vorbei, machten sich die Rechner auf zum Minister. Unterwegs stellten sie fest, dass man im Geschäft für einen grossen Sack Mehl nicht mehr zwei, sondern drei Goldstücke bezahlen musste. Die Verkäufer taten so, als sei es nie anders gewesen. Und wenn sie im Restaurant zwei Kaffeerahm in ihren Kaffee wollten, mussten sie sagen, sie wollten drei. (Ein Einschub für Denker: Beim Bezahlen schien die Zahl «drei» die alte zu sein, das heisst 1+1+1. Die Zahl «zwei» schien es nicht mehr zu geben, denn 1+1 ergab ebenfalls 3, wobei immer noch ein Gold- oder Silberstück dazugelegt werden musste. Wenn es aber um die Ware oder sonstige Gegenleistung ging oder auch um alles übrige, dann war «drei» die frühere «zwei», also 1+1. Das Ganze war also völlig verkehrt, und man musste den Verstand ignorieren, um die «Regel» befolgen zu können.)

Als die Rechner nun beim Minister vorsprachen, aber kein Gehör fanden, hingegen eine Androhung von Strafe in Form von Gefängnis wegen Verbreitung von falschen Tatsachen, da gingen sie für eine Weile in sich. Und fanden darauf, geradezu wundersam, zum neuen Resultat. Und plötzlich konnten sich viele von ihnen für die neue Recht-Rechnung geradezu begeistern! Es war interessant zu sehen, wie sie diese neue Regel begründeten. Anfangs fast jeder auf eine andere Weise, doch nach einer kurzen Weile des Austauschs kamen sie sich immer näher, und plötzlich gab es nur noch die eine plausible Theorie. Zum Erstaunen aller verfochten sie diese nun noch stärker als sie sie vorher bekämpft hatten – vor allem gegenüber der kleinen Minderheit, die immer noch an der alten Rechenregel festhielt.

So waren schlussendlich, nur etwa zwei Monate (oder eben drei) nach der Umsetzung des neuen Plans des Königs, nur noch wenige übrig, denen es wichtiger war, an dem festzuhalten was sie glaubten und dafür die Konsequenzen zu riskieren. Aber sogar diese waren sich untereinander nicht einig. Die einen wollten die neue Regel zwar akzeptieren, sich aber gegenseitig in der alten Regel unterweisen und stärken. Andere wollten die neue Regel ebenfalls akzeptieren, dazu aber im Geheimen ein unabhängiges Netz aufbauen, wo die alte Rechenregel eingehalten wurde. Noch andere wollten unter keinen Umständen den Ministern ein zusätzliches drittes Goldstück abliefern, und gewisse unter ihnen weigerten sich proaktiv, indem sie Kleidung mit der Aufschrift «Eins und Eins gibt immer noch Zwei!» trugen. Wiederum andere waren sich sicher, dass mit der neuen Regel der Anfang vom Ende der Zahlenlogik und der Beginn der Herrschaft der Buchstaben-Logik eingeläutet wurde, und sie sahen keinen Ausweg als den Untergang ihres Landes, der zwangsläufig daraus hervorgehen musste.

Jedenfalls gab es nicht mehr viele, die sich noch zur alten Zahlenlogik bekannten. Die es taten, wurden von irgend einem Nachbarn beim Ministerium angezeigt, so dass sie dort vorgeführt und daraufhin in einen Umerziehungs-Intensivkurs geschickt wurden. Dort lernten sie, diesmal ohne Ohrenstöpsel und ohne die Ohren schützenden Hände, die neue Regel auf verschiedene Art und Weise kennen. Nicht nur, dass sie nach diesem Kursmonat das Gefühl hatten, in ihrem Kopf sei ausser Einsen und Dreien gar nichts mehr vorhanden. Zu ihrem Unglück kam dazu, dass ihre Arbeit einen Monat lang liegen geblieben war und sie nun vieles aufholen mussten, um ein lebensnotwendiges Einkommen zu sichern. Da blieb keine Zeit mehr für die frohen Stunden in Gesellschaft von Freunden.

Der junge König aber nahm mehr Goldstücke ein denn je, so dass sein Bad im Gold von mal zu mal vergnüglicher wurde. Und wenn er abends gelangweilt mit dem Fernrohr auf sein Land hinunter blickte, konnte er beobachten, wie die Menschen bis zu später Stunde damit beschäftigt waren, ihr tägliches Brot zu verdienen. Das gefiel ihm, schweigende und ernste Gesichter mit Schweiss auf der Stirne, viel besser als der Anblick von Freude und Geselligkeit. Der Plan des Königs schien aufzugehen.

Viele Jahre später konnten sich nur noch wenige an die Zeiten erinnern, als in den Strassen noch unbeschwertes frohes Beisammensein geherrscht hatte, als die jungen Menschen noch Ziele hatten, die Alten sich am Treiben der Jungen erfreuten und das Leben noch Sinn und Logik zu haben schien. Hingegen schien es, als hätte sich ein kühler und düsterer Schleier über das Land gelegt.

Der Besuch

Zu jener Zeit kam ein Fremder von weit her ins Land. Es trug sich zu, dass er Hunger hatte und einkaufen ging. Als er die beiden Äpfel bezahlen wollte, wollte der Verkäufer für drei Äpfel Silbermünzen haben! «Aber ich habe doch nur zwei Äpfel in der Hand.» entgegnete der Mann. «Ein Apfel und ein Apfel gibt drei Äpfel» antwortete der Verkäufer mit mürrischer Miene. «Das kostet sie drei Silberstücke» Also gut, dachte der Mann, so gebe ich ihm nun ein und ein gibt drei Silberstücke. Doch der Verkäufer schien auf mehr zu warten. «Es fehlt noch eine Münze!» «Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?» entgegnete der Fremde. Als der Verkäufer ihn beharrlich und mit noch finsterer Miene anschaute, begann der Fremde lauthals zu lachen. Er liess die beiden Silberstücke auf dem Tresen liegen und wollte das Geschäft verlassen.
Sogleich kamen drei breitschultrige Männer auf den Fremden zu; einer schien bis dahin mit dem Auffüllen der Regale beschäftigt, ein anderer kam zur Ladentür herein und ein weiterer kam aus einem Nebenraum hervor. Sie packten den Fremden, währenddessen der Verkäufer kühl bemerkte: «Sie werden sich dafür vor dem Minister verantworten müssen!» Doch kaum hatten sich die drei mit dem fremden Mann auf den Weg gemacht, dass plötzlich hinter mehreren Häusern andere Fremde hervorkamen. Dann ging alles ganz schnell, gerade so wie man es aus den Filmen von Bud Spencer und Terence Hill kennt: Es flogen die Fäuste, und die drei Regelhüter lagen am Boden. Nun machte sich die ganze Gruppe der Fremden auf zum Minister.

Der Minister war gar nicht erfreut über den Besuch. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich jemand freiwillig zu ihm traute, zudem hatte er vom König keine Anordnungen erhalten für einen solchen Fall. Als der Fremde aber verkündete, dass er König von Justanien, dem grössten aller Königreiche war, wusste der Minister nichts zu antworten und wurde ganz rot im Gesicht. «Mein Vater hat vor vielen Jahren einem seiner Diener, der sich durch besondere Dienste auszeichnete, dieses Land gegeben und ihn beauftragt, ein guter König zu sein. Wenn er noch lebt, möchte ich ihn heute gerne besuchen. Wenn nicht, möchte ich seinen Nachfolger treffen.»
Der Minister führte den König von Justanien und seine Männer durch den geheimen Gang bis vor die Türe, die weiter über eine Treppe mit tausend Stufen zur königlichen Wohnung führte. Der Besuch klopfte an die eiserne Tür, aber niemand antwortete oder öffnete. Aus Sorge wurde nun die Tür aufgebrochen, und als sie über die vielen Stufen in die Wohnung schritten, fanden sie den jungen König beim Bad in seinem Gold.

Ein erstaunliches Ende

Was daraufhin am Pool geschah, kann sich jeder selbst ausmalen. Jedenfalls endete das Reich des jungen Königs ziemlich unerwartet und schnell, durchaus unangenehm für ihn, aber enorm beglückend und bereichernd für das Volk. Denn er musste nun seine unzähligen Goldstücke, in denen er so gerne gebadet hatte, ganz persönlich jedem Bürger des Landes zurückbringen. An jedem Tag fortan hatte er zu schleppen, und die meisten Bürger begegneten ihm, gelinde gesagt, unfreundlich. Zu seiner frühzeitigen Pension erhielt er genau das, was er vormals den Ärmsten in seinem Königreich zu geben verordnet hatte, und das war weiss der Himmel nicht viel.

Genau so hatte der König von Justanien alles angeordnet. Zudem hatte er alle Minister des Landes entlassen und sie in die Naturschule geschickt, damit sie dort noch einmal die Chance hatten, Denken und Handeln zu lernen. In der Naturschule lernte man über den Kreislauf der Natur, über Anbau und Ernte, über Geben und Nehmen. Auch musste man diese Dinge in die Praxis umsetzen. Zwischendurch musste man Pause machen und über die Schönheit und die vielen Wunder der Natur nachsinnen; auch das gehörte zur Ausbildung.

Das Volk, das in den letzten Jahren vieles verlernt hatte wie etwa das Feiern, hatte Anfangs etwas Mühe, seine Freude über die neue Freiheit zu zeigen und wusste kaum, was es mit der zurückgewonnenen Zeit anfangen sollte. Aber das machte nichts. Die Menschen merkten bald wieder, dass es mehr Freude machte, die Freude zu teilen. So lernten sie wieder, einander Geschenke zu machen, zum Essen einzuladen, Geschichten zu erzählen, Lieder vorzusingen und einfach zusammen zu sein.

Der König von Justanien hatte noch eine für ihn ungewohnte Aufgabe zu erledigen. Er musste diesem Volk befehlen, dass eins und eins zwei gibt. Dass er so etwas je befehlen musste, hätte er im Traum nie gedacht – es war, als müsste man jemandem befehlen, bei Hunger zu essen oder ganz einfach zu atmen, oder eben seinen eigenen Verstand zu gebrauchen.

Die vielen Menschen, die die alte Rechenregel ohne grossen Widerstand verlassen hatten, fanden mit derselben Einfachheit wieder dahin zurück. Genauer gesagt fiel es ihnen nun doch etwas leichter – es fühlte sich diesmal keineswegs bedrohlich, hingegen irgendwie natürlich an.

Die kühnen Rechner leisteten diesmal nur kurzen Widerstand. Denn sie wussten tief in ihrem Innern, dass diese Reform eine Reform zur Wahrheit war. Daher waren sie vor allem damit beschäftigt, alle Spuren zu verwischen, die ihre temporäre Überzeugung für die ‚eins-und-eins-gibt-drei‘ – Regel bestätigte; war diese doch erstaunlich häufig und vehement in vielen ihrer ehemaligen Worten und Taten zu finden. Diejenigen von ihnen, die sich damit weit zum Fenster hinaus gelehnt hatten, mussten wie die Minister die Naturschule besuchen – was für sie als exzellente Rechner natürlich eine überaus grosse Schande war, eine Schule der Grundlagen des Denkens und Handelns besuchen zu müssen.

Die wenigen Menschen, die an der alten Rechenregel festgehalten hatten, waren ausser sich vor Freude. Sie, die viele Jahre gelitten hatten unter Ignoranz und Verleugnung, sie, denen die Wahrheit wichtiger war als ihr Ansehen oder ihr Geldbeutel oder ein bequemes Dasein, für sie wurde das neue Königreich zum Paradies.

Das war eine Geschichte über Könige und Leute –
und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!

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