Das AO-Programm – Schilderungen und Gedanken aus dem Jahr 2037
Meine Augen schmerzen immer noch. Dabei haben sie mir von Gagloo erklärt, dass es sich spätestens nach zwei Wochen natürlich anfühlen würde. Die finale Linse würde bis zu diesem Zeitpunkt mit der Hornhaut der Augen verwachsen sein. Das kann aber nicht sein. Denn es gibt immer noch kleine Flecken in meinem Gesichtsfeld, die zwischendurch kein Bild übertragen. Dabei hat es bisher mit den einsetzbaren Linsen so gut geklappt.
Als die Alpha-Linse (A) zusammen mit dem Omega-Hörgerät (O) vor Jahren auf den Markt kam, rechnete niemand mit einem solchen Erfolg. Das Produkt AO wurde eingeführt, um die Kommunikation zu vereinfachen und Abläufe zu harmonisieren. Seither ist es möglich, virtuell mit Freunden zusammen zu sitzen, ohne Distanzen überwinden zu müssen. Als Treffpunkte stehen verschiedene Kulissen zur Verfügung, die per Live-Cam übertragen werden und einen Hintergrund gestalten, der visuell und akustisch nicht mehr von der realen Erfahrung unterschieden werden kann. Letzthin sass ich mit zwei Freunden, mit denen ich mich online verabredet hatte, auf dem Markusplatz in Venedig. Nur der Geruch fehlte noch zum hundertprozentigen Erlebnis, der einer erfrischenden Meeresbrise und eines frisch gebrühten Kaffees. Den Kaffee hat sich jeder zuhause selbst zubereitet; meiner stand bei diesem Ambiente einem echten italienischen in nichts nach!
Ein spannendes Detail dieser öffentlichen Plätze (E-Places): Du kannst mit den Menschen dort in Kontakt treten. Vorausgesetzt natürlich, dass sie zustimmen. So kann ich mit ihnen über AO kommunizieren. Fehlt nur noch die Möglichkeit der physischen Begegnung. Aber auch da ist die Gagloo-Forschung dran mit interaktiven Anzügen, die über’s Netz verbunden werden und Berührungen übertragen. Jedenfalls hatten wir eine gute Zeit zusammen, an jenem Samstagmorgen auf der Piazza in Venedig. Ich bin mit einer bildhübschen Italienerin ins Gespräch gekommen! Und konnte so auch meine Italienisch-Kenntnisse ein wenig auffrischen.
Zugegeben, ich bin echt überwältigt von den Möglichkeiten, die das AO-Programm bietet. Das Geniale ist: Obwohl die Geräte fest eingebaut sind, kann ich sie vollständig kontrollieren. Das heisst, ich kann sie einzeln ein- und ausschalten sowie beliebig hoch- und runterfahren. Bei den Linsen geht das so, dass ich sie von undurchsichtig bis transparent stufenlos regulieren kann. Somit bleibt es mir überlassen, wie viel von der Übertragung und wie viel vom realen Umfeld ich mitbekomme. Wenn ich im Home-Office am Bildschirm sitze, kann ich nebenbei über die Linsen einen Fussballmatch anschauen. Ich regle A so, dass ich das Spiel nur schwach sehe und in meiner Arbeit nicht behindert werde. Kürzlich habe ich abends ein Bad an einem Strand in der Karibik genommen. Ich stieg dazu in die wohltemperierte Badewanne und liess die Live-Übertragung des E-Places an der Half Moon Bay von Antigua so dominant über die Linsen flimmern, dass ich meinen Caipirinha neben der Wanne gerade noch erkennen konnte. Die Sonne ging feuerrot am Horizont unter, dazu das Rauschen und Plätschern der Wellen am Strand, den gekühlten und erfrischenden Caipirinha auf der Zunge – mein Erlebnis war perfekt.
Die reale Welt erleben, wer will und braucht das noch?! Die Maschinen haben uns ja die physische Arbeit abgenommen. Menschen, die heute noch arbeiten, tun dies meist vor dem Bildschirm. Und alles Lebensnotwendige wie Nahrung und Medikamente werden uns mit selbstgesteuerten Geräten nach Hause geliefert. Wenn wir uns noch in der Öffentlichkeit fortbewegen, etwa um zu einem E-Place zu gelangen, tun wir dies mit selbstfahrenden Elektro-Autos. So ist die Welt viel sicherer geworden. Und was will man schon draussen in der Stadt? Viele Quartiere sehen völlig unansehnlich aus. Sie zerfallen, da ihre Geschäfte nicht mehr benutzt werden. Denn die ganze Ware wird ja von riesigen, vollautomatischen Produktionszentren ausserhalb der Stadt direkt zum Konsumenten gebracht. Auch die Beizen sind praktisch alle zugegangen, da sich die Menschen nur noch online mit ihresgleichen treffen. Ausser an den von Gagloo finanzierten E-Places wie etwa dem Bärenplatz und dem Rosengarten in Bern hat sich das Ortsbild gegenüber vor 20 Jahren massiv verschlechtert. Früher, als jeder noch offline unterwegs war, sei es in den Städten ja kaum ruhig gewesen. Man stelle sich vor, was da alles noch vor Ort erledigt werden musste. Immerhin, Mobiltelefone hatten sie bereits. Aber die gesamte Ware musste eigenhändig besorgt werden! Im gleichen Zug wurden dafür anscheinend zwischenmenschliche Bedürfnisse gedeckt, wenn man mit anderen Menschen zusammenkam. Doch zum Glück haben wir diese Kontakte heute nur noch in geringem Mass nötig. Viele Studien haben uns klargemacht, dass wir uns fortwährend höher entwickelt haben. Dass wir im Unterschied zu früher im menschlichen Körper die höheren Regionen, das heisst unseren Intellekt ausgebaut, dagegen die unkontrollierbaren, niederen Instinkte und Bedürfnisse (vor allem Bauch-, aber auch Herzgegend) deutlich heruntergefahren haben. Es ist erwiesen, dass für einen normalen Menschen ab dem 12. Altersjahr der ausschliessliche Online-Kontakt mit seinen Mitmenschen völlig ausreichend ist. Das hat den Vorteil gebracht, dass das Leben auf unserem Planeten insgesamt vernünftiger, planbarer und effizienter geworden ist.
Was in unserer Stadt noch relativ rege öffentlich genutzt wird sind die Fitnesscenter, obwohl mit dem neuen Konzept der Krankenkasse jeder sein persönliches Gerät zuhause hat. Dieser Home-Trainer lässt sich perfekt auf meinen Körper abstimmen und gibt mir das optimale tägliche Fitnessprogramm vor, welches sich aus verschiedenen Faktoren berechnet wie Alter, Gewicht, bestehende Fettreserven, Blutwerten, usw.. Ich finde dies nun wirklich mal ein guter Beitrag seitens der Krankenkassen! Denn nun weiss jeder genau, warum er beim Bonus-Malus-System aufs neue Jahr anders eingestuft wird und wie er es beeinflussen kann. Ich persönlich spare damit viel Geld, indem ich die Fitness-Vorgaben übertreffe. Klar, gewisse Risikofaktoren spielen mit rein, wie zum Beispiel Rauchen und Alkoholkonsum. Und da ich gerne zwischendurch ein Gläschen Rotwein trinke, (was mir durch die monatliche Haarprobe nachgewiesen wird,) nimmt mir das wiederum fast die Hälfte der Einsparungen weg. Das Bonus-Malus-System für Krankenkassen wurde damals aufgrund einer Volksinitiative eingeführt, die mehr Kostengerechtigkeit im Gesundheitswesen verlangte. Dadurch wurden diese zusätzlichen Erhebungen von Persönlichkeitsdaten natürlich notwendig. Doch dank dem neuen individuellen Fitnessgerät haben wir bezüglich der Kosten nun wieder vieles selbst in der Hand.
Um wieder auf das Programm zurückzukommen: Ich persönlich habe AO völlig in den Vordergrund gestellt, das heisst die Regler meiner Fernbedienung stehen die meiste Zeit auf dominant. Für mich lohnt sich die Wahrnehmung des realen Umfeldes höchst selten. So nehme ich sie kaum mehr wahr, meist nur noch für’s Essen und Trinken und für den Gang auf die Toilette.
Was ich trotzdem gern mal real tun würde: Einen echten Ausflug auf’s Land! Da habe ich noch so meine Kindheitserinnerungen. An eine Frühlingswiese voller Blumen und dem Duft davon, wenn man sich ins Gras legt. An einem Sommermorgen den frischen Windhauch und die wärmenden Strahlen der Sonne auf Gesicht und Armen spüren. Der weiche Boden unter meinen nackten Füssen. Und diese Stille! Sie war ganz anders als die Stille in meiner Studiowohnung in der Stadt. Sie war so lebendig und erfüllt, wenn auch geräuschlos. Es lag eine Art von Leben und Erwartung in der Luft. Die Stille hier in meiner Wohnung ist ganz anders, irgendwie leer, echofrei, tot. Zum Glück gibt es hierfür O. Doch manchmal frage ich mich schon, wenn ich von Kollegen höre, die O gar nicht mehr abschalten, nicht einmal mehr nachts. Es gibt ja diverse Nachtprogramme, die ununterbrochen senden. Obwohl der Rhythmus der Musik verlangsamt und der Ton der Sprecher weicher ist, könnte ich nicht ruhig schlafen, auch wenn ich O auf dem Minimum halte. Es gibt aber viele Menschen, die die Stille nicht mehr aushalten – vielleicht gerade wegen O? Ich jedenfalls stelle O auch tagsüber zwischendurch ab. Bin ja immer noch visuell zugeschaltet und im Notfall für Nachrichten empfänglich. So geniesse ich die Ruhe. Aber ich weiss, dass ich mit meinem Drang zu gelegentlicher Stille zu einer kleinen Minderheit gehöre. Glücklicherweise ist dies in den Foren noch nicht zum Thema gemacht worden, denn ich fürchte mich ein wenig vor einem Ausschluss oder so. Klar, ich brauche nicht gerade Angst zu haben, dass es deswegen zu einem Mob gegen mich kommt. Das ist kürzlich einem passiert, der sich stur geweigert hat, sein Profilbild auf das Gesicht zu beschränken. Er erfüllt die erwünschten Masse nicht, die es für ein Oberkörper- oder Ganzkörperprofil benötigt. Doch er wollte partout ein Bild belassen, das ihn in jungen Jahren zeigt, mit kurzen Hosen und schwulstigen Armen und Beinen. Ich fand ebenfalls, dass er uns davor hätte verschonen sollen. Aber ich habe mich da rausgehalten. Jedenfalls wurde in den Foren eine solche Stimmung gegen ihn gemacht, dass ihm letzten Samstag anonym eine Mob-Attack angedroht wurde. Was dann wirklich geschehen ist weiss ich nicht, aber seither habe ich keinen Online-Move mehr von ihm vernommen. Ich denke, er ist einfach zu weit gegangen mit seinen Provokationen.
Das Abschalten der Linsen tagsüber ist hingegen völlig out. Da gehörst du schnell nicht mehr dazu, wenn deine Mitsurfer merken, dass du blau machst und ihre Beiträge nicht mitkriegst! Auch vom Staat wird dringend davor abgeraten, A tagsüber auszuschalten, da dadurch wichtige Informationen verpasst werden könnten. Dabei geht es vor allem um die täglichen Neuigkeiten, die gegen Abend gesendet werden, aber auch um wichtige Eilmeldungen während des Tages. Ich finde diese Informationen schon sehr nützlich. Im Übrigen können sie so eingestellt werden, dass sie lautlos und relativ klein im linken oberen Rand des Sichtfeldes laufen. So ist man über die wichtigsten Dinge immer auf dem Laufenden, und eine weitere Informationssuche zum Weltgeschehen wird unnötig. Es ist absolut peinlich, wenn jemand sich in unseren Foren unterhält und nicht weiss, welcher Schauspieler nun welchen Oscar gekriegt hat oder was die neusten Finanzzahlen von Gagloo ergaben!
Und doch, so ein Ausflug aufs Land… Aber wenn man die Nachrichten verfolgt, sieht man ein, dass es unvernünftig ist, real auf Reisen zu gehen, denn ausserhalb der Stadtzone laufen die Unregistrierten umher. Einerseits sind sie gefährlich, weil sie vom ganzen System ausgeschlossen sind und daher wahrscheinlich Mangel an diversen Gütern haben. Ich habe Gerüchte gehört, dass sie punkto Lebensmittel zwar gut zurecht kämen, auf viele Annehmlichkeiten jedoch verzichten müssen, auf technische Geräte und so. Andererseits gehören die meisten von ihnen den Reset-People oder Resetern an, das sind die Verrückten, die nicht wahrhaben wollen, dass das AO-Programm und die Führung von Gagloo primär dem Wohl der Menschheit dient und dafür eingesetzt wurde. Sie vertreten Theorien, die besagen, dass es da um die Beherrschung der Welt gehe und solchen Quatsch. Jedenfalls, wie kann man heutzutage nur so rückständig leben wollen? Das kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen. Warum verzichtet man freiwillig auf all jene Möglichkeiten, die man gerade auch mit AO haben kann? Jedenfalls hatten wir alle nach der Volksabstimmung ein ganzes Jahr Zeit, AO zu implementieren. Da diese Leute jedoch die Frist verstreichen liessen und sich somit AO verweigert haben, müssen sie nun die Konsequenzen tragen. Was ich eigentlich ganz richtig finde. Denn immerhin war es ein Volksentscheid, den es in einem demokratischen Land wie in unserem zu akzeptieren gilt. Zum Glück entscheidet in unserem Land immer noch die Volksmehrheit. In den meisten Ländern wurde AO vom Staat verordnet.
À propos Ausflug aufs Land: Vorletzten Sonntag habe ich tatsächlich vorgehabt, einen solchen Ausflug zu wagen, obwohl ich bisher nichts Gutes davon gehört habe. Da war ein Freund von mir, Alonso, der bei der Einführung von AO dorthin abgehauen ist und nun wohl da draussen als Unregistrierter lebt. Irgendwie schwebt mir im Hinterkopf, dass ich ihn eines Tages wieder treffen werde. Wir haben die Kindheit zusammen verbracht; er wuchs im Block neben uns auf und wir haben uns oft in unseren Wohnungen getroffen und sind mit unseren damaligen Smartphones durch die Welt gesurft. Wir hatten verrückte Pläne: Wir wollten zusammen die Welt entdecken gehen und sie nicht nur über die Bildschirme erfahren. Mit einem Ford Mustang über die alten Fernstrassen Europas fahren, grosse Weiten erkunden und unendliche Freiheit einatmen! Vielleicht waren unsere Träume ganz einfach Kinderkram… Jedenfalls entwickelte sich die Welt in eine andere Richtung, und die Möglichkeit, unsere Pläne zu verwirklichen, schien hinter einer immer höher werdenden Mauer zu verschwinden. Und plötzlich verschwand auch Alonso.
Als ich also mit meinem Vorhaben und meiner Rückentasche (oder wie heissen diese Dinger schon wieder?) durch die Stadt wanderte, spürte ich eine immer schwerer werdende Last in mir. Es war, als wollte mich mein Körper von meinen Plänen abbringen. Ich lief durch ein Gebiet, das ich nie vorher betreten hatte. Ich sah leere, graue Gassen, hörte völlig unbekannte Geräusche aus düsteren Korridoren, die von wilden Katzen stammen konnten oder vielleicht auch von Menschen, die sich entgegen meinen Erwartungen in äusseren Bereichen aufhielten. Ich war froh, als ich endlich das Ende der letzten Häuserreihe und somit die Stadtgrenze erkennen konnte. In dem Moment fing A an, mir im linken oberen Rand meines Sichtfeldes eine Warnung zu zeigen: „Achtung Gefahr: Sie nähern sich der Stadtgrenze!“ Die Meldung erschien erst gelb, dann rot, und wurde mit immer höherer Frequenz angezeigt, je näher ich kam. Nun sah ich den Maschendrahtzaun, den sie kürzlich ums Stadtgebiet errichtet hatten, um uns vor Übergriffen durch Unregistrierte zu schützen. Dieser bereitete mir keine Sorgen, denn wie ich gehört hatte, gab es genügend Durchgänge. Und prompt, am Zaun entlang nach 100 Metern kam der Erste. Hinter dem Zaun waren völlig heruntergekommene, teils zerfallene Hütten, als hätten hier Bomben eingeschlagen. Doch dahinter konnte ich bereits den grünen Wald erkennen! Die Gefahrenmeldung leuchtete unterdessen durchgehend und verdeckte fast die Hälfte meines Sichtfeldes, dazu ein fast ohrenbetäubendes Sirenengeheul über O! Da entdeckte ich die Kameras oberhalb des Tores. Sie hielten alles fest, was sich in die eine oder andere Richtung bewegte. Ich wollte gerade durchgehen, als über O eine autoritäre Stimme mir eine letzte Warnung zu geben schien: „Achtung: Ausserhalb der Stadtgrenze kann nicht mehr für Ihre Sicherheit gesorgt werden! In diesem Monat sind bereits 52 Menschen nach aussen gegangen und nicht wieder zurückgekehrt.“ Über A wurden mir Bilder eingeblendet, und zwar in aller Deutlichkeit, obwohl ich für meinen Ausflug A mit 75% Transparenz in den Hintergrund gestellt hatte: Tote Körper, manchmal nur Teile davon, die angeblich draussen in der Wildnis aufgefunden worden waren. Gedanken schossen mir durch den Kopf: 52 Menschen! Das waren täglich zwei. Heute könnte ich einer der beiden sein. Mein Leben will ich nicht dafür riskieren. Ich drehte um und rannte zurück. Nichts sehnte ich mir mehr herbei als die vertrauten vier Wänden meiner kleinen Studiowohnung.
Hmm, dies also zu meinem Wunschtraum nach einem Ausflug in die Natur.
Ob Alonso auch so geendet hat und seine Leiche irgendwo verwest oder von wilden Tieren aufgefressen wurde? Leider kann ich nicht mehr mit ihm kommunizieren, seit sie das Telefonnetz ausgeschaltet haben und jegliche Kommunikation nur noch über AO möglich ist. Klar, das war vor allem eine Kostenmassnahme. Warum sollte das alte Kommunikationsnetz unterhalten werden, wenn es kaum mehr gebraucht wurde?
Alonso hat der ganzen Sache nie getraut. Er war ein grüblerischer, skeptischer Geist und von Anfang an gegen AO, als das Programm noch ein reines Vergnügungs-Werkzeug war und teilweise gratis angeboten wurde. Heute denke ich, dass Alonso wohl ein heimlicher Reseter war. Dass mir dies nicht schon damals aufgegangen ist?! Die Reset-People, diese weltfremden Illusionisten, wollen ja zurück zum Zustand vor der Einführung des Internets. Sie behaupten, dass AO der vollständigen Kontrolle über die Bürger diene. Doch auch wenn mein ganzes Online-Verhalten registriert wird: Was soll’s? Ich tue nichts Verbotenes. Verbotenes gibt es mit AO nicht. Alles was über AO läuft, ist von der Staatengemeinschaft abgesegnet worden. Und somit gibt es nichts zu verbergen. Sowieso, wen würde das meinige schon interessieren. In einer Welt mit etwa fünf Milliarden AO-Mitgliedern, ist ja lächerlich.
Die Gegner von AO haben auch etwas von Gleichschaltung gesagt. Doch ich sehe nicht ein, was dies mit Gleichschaltung zu tun haben sollte. Durch AO eröffnet sich uns eine ganz neue, eine riesige Welt! Und die ist so viel unterschiedlicher und abwechslungsreicher als die reale. Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu treffen, das ist Vielfalt. Nicht wie früher, als man nur die Menschen im selben Wohnblock, höchstens im selben Dorf traf. Das war Gleichschaltung. Klar muss ich mir überlegen, was ich auf AO rauslasse, damit ich keine Probleme bekomme. Aber solches ist selbstverständlich und war schon immer so. Ich finde es richtig, dass solche, die mit ihren Kommentaren die virtuelle Welt verpesten, einen Abrieb verpasst bekommen. Nun, da der Staat mehr Polizisten im Netz hat als auf den Strassen und die Zusammenarbeit mit Gagloo gut funktioniert, ist es meistens ein Geringes, solche Kerle zum Schweigen zu bringen. Auch hier ist die Welt besser geworden. Es braucht keine Gefängnisse mehr und keine physische Gewalt. Die Täter erhalten elektronische Fussfesseln und ihnen wird – hier macht AO eine Ausnahme – ein Programm aufgebrummt. Dieses gibt ihnen je nach Vergehen zu gewissen Zeiten zwingende Inputs, die sie weder abschalten noch beeinflussen können. Worum es dabei geht, weiss ich nicht. Muss wohl eine Art „Umerziehung“ sein. Die restliche Zeit haben sie auf einen reduzierten Teil der virtuellen Welt freien Zugriff. Und bei guter Führung werden sie ihr Zwangsprogramm auch schnell wieder los.
Um nochmals zum Thema Gleichschaltung zurückzukommen: Ich denke, das Programm fördert Individuen mehr denn je. Bereits der Schulunterricht wird sehr individuell gestaltet, und der Lernstoff kann zum grossen Teil selbst bestimmt und aus einer breiten Auswahl ausgesucht werden. Dabei wird das Wissen so unterhaltsam vermittelt, dass die meisten Kinder gar nicht mehr mit lernen aufhören wollen. Für Erwachsene steht die gesamte E-World zur Verfügung, und zwar stets und überall, zudem vollkommen in eigener Kontrolle und nach eigenen Wünschen. Dazu kommt, dass AO völlig kostenlos ist. Das wurde möglich, indem es an das bestehende bedingungslose Grundeinkommen gekoppelt wurde. Hierzu haben die Reset-People eingewandt, dass das bedingungslose Grundeinkommen somit seinen Namen nicht mehr verdiene. Ist doch ein Witz! Das «bedingungslose» Grundeinkommen ist nie ganz bedigungslos, denn Dinge wie Essen und Trinken sowie letztendlich auch Atmen und Leben sind Vorbedingungen dazu. Und Kommunikation gehört hier definitiv dazu. Als Randbemerkung: Vor Jahrhunderten schon fand man durch (wahrlich grausame) Experimente mit Kleinkindern heraus, dass diese trotz Essen und Trinken, aber ohne Zuwendung und Kommunikation zugrunde gingen und starben… Das sagt doch alles.
Ja, à propos Zuwendung: Alonso und ich, wir standen uns wirklich nahe. Wir waren so etwas wie «dicke Freunde», wie man früher zu sagen pflegte. Das waren noch Zeiten… So etwas kenne ich heute nicht mehr. Mit Alonso, und nur mit ihm, habe ich mich auch über schwer fassbare Themen unterhalten können. Über Dinge gesprochen, die nach dem aktuellen Wissensstand der Wissenschaft noch nicht vollständig ergründet worden sind. Sozusagen die «letzten Geheimnisse», wie zum Beispiel die «Seele des Menschen». Alonso hatte immer Angst, dass AO seiner «Seele» schaden würde. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem inneren Kompass, den er verspüre, und dass er befürchte, dass dieser mit dem ständigen Input durch AO verstummen würde. Und dass er sodann fremdbestimmt durch’s Leben gehen würde.
Irgendwie vermisse ich diesen Typen. Er hat etwas Tiefes in mir berührt, wenn ich das so sagen darf. Andererseits war er einfach auch ein verrückter Kerl mit seinen schrägen Gedanken und Ideen! Unsere Gespräche kurz vor der Abstimmung zu AO haben mich damals intensiv beschäftigt. Zumal auch, da dieser Schritt nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Aber da liefen diese Umfragen, die ergaben, dass 89% der Bevölkerung von AO mehr Gutes als Schlechtes erwarteten, und dass die Vorteile des Programms deutlich überwogen. Viele hatten bereits Vorgängerversionen im Gebrauch und wussten, wovon sie sprachen. So dachte ich mir einerseits, dass so viele Menschen nicht irren konnten. Andererseits spürte ich, dass meine innere Unsicherheit rein instinktiv war. Ich konnte sie nicht vernünftig begründen. Es war ein mulmiges Gefühl, das ich aus der Kindheit kannte. Warum hätte ich aufgrund eines solchen Eindrucks mein ganzes Leben über den Haufen werfen sollen? Zum Glück konnte ich es schlussendlich als animalischen Flucht-Trieb erkennen und mich doch für AO entscheiden.
Seither läuft mein Leben eigentlich problemlos. Und wenn ich höre wie es früher war mit all den körperlichen Mühen, all den Unsicherheiten, und in anderen Ländern mit Ungleichbehandlung, Kriminalität und Elend, da müssen wir doch wirklich von einem grossen Fortschritt für die Menschheit sprechen. Da kann und will ich einfach zufrieden sein. Und wir haben ja wirklich auch Spass damit, oder?